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Sonntag, 24. April 2016

The Jungle Book (2016)

The Bear Necessities


Jon Favreau, USA 2016 - 8.5/10

Als Kind hat man seine zwei, drei Filme, die man ohne Probleme 50 mal schauen kann, ohne dass sie jemals langweilig werden können. Bei mir waren es vor allem die Perlen aus dem Hause Disney: "Der König der Löwen", "Aladdin," "Hercules" und eben "Das Dschungelbuch". (Meine Freundin kann dagegen ohne Probleme "Robin Hood" aus dem Kopf wiedergeben - "UDELELLI!!"). Ihr könnt mit Sicherheit die Reihen von bunten Videokassetten unter dem großen Fernseher in Wohnzimmer aus dem Kopf euch bildlich vorstellen. So war es mir eine große Freude, einem Film aus der nostalgischen Kindheit mit neuen Augen zu sehen. Allerdings war auch eine gewisse Sorge dabei, ob dieser Aufguss aus dem Computer die ähnliche Qualität wie der Klassiker aus dem Jahre 1967 erreichen könnte. Lest selbst:

Im Laufe der Jahre ist es in Mode gekommen, alte, geliebte Klassiker, meist eher schlecht als recht, von Zeichentrick, dank modernster Computertechnik zu neuem Leben zu erwecken. So ist es auch hier: Alles besteht aus Bildern, die in Computern entstanden sind. Alle Bilder? NEIN! Ein Haufen unbeugsamer... lassen wir das. Die männliche Hauptfigur, in Fakt der einzige Mensch im ganzen Film (mehr dazu später) wird vom Newcomer Neel Sethi gespielt. Er spielt seine Rolle durchaus überzeugend, was man von vielen anderen Schauspielern nicht gerade sagen kann; eine ansprechende Leistung, bedenkt man, dass er meist ganz allein vor riesigen grünen Wänden entlang rennen musste.

Doch genug von den Menschen, der Reiz des Films besteht in den, den Menschen doch sehr ähnlichen Tieren, die unglaublich gut vertont wurden. Zunächst ist da der weise Freund Mowglis - dem Geparden Bagihra (gesprochen von Ben Kingsley, in den Dialogen erinnerte er mich an Spongebobs Nachbarn Thaddäus, SO HANDSOME)...
...Ich muss doch wohl nicht etwa auf die Handlung des Films eingehen? Okay, ihr habt mich... Also Mowgli wächst allein unter Wölfen im Dschungel auf, wird ein Teil des Wolfsrudels und alles scheint seinen geregelten Lauf zu nehmen (sieht man einmal davon ab, dass Mowgli ein Mensch ist...) bis plötzlich der Tiger Sheer-Khan (gesprochen von Idris Elba "Striger Bell" aus "The Wire") auftaucht und Mowgli umbringen will. Wieso er das macht, wird hier nicht verraten, nur soviel, dass Mowgli von nun an allein durch den Dschungel streift, bis er auf...

... Baghiras alten Kumpel Baloo den Bären (Bill "F*cking" Murray, Ladies and Gentlemen) trifft. Mowgli und sein braunes, haariges, Gegenüber freunden sich schnell an (nicht so wie bei Leo DiCaprio in einem gewissen Film). Im Gegensatz zum Zeichentrick-Klassiker kommen in der 2016er-Version viele neue Handlungsstränge dazu. Ich will nicht zu viel verraten, doch sie passen alle sehr gut, vor allem wird so Mowglis Figur noch weiter ausgebaut. 

Es kommen noch viele weitere bekannten Figuren vor, unter anderem Kaa die Schlange (gesprochen von Scarlett Johannson) und King Louie, der sensationell von Christopher Walken vertont wurde, zwar dabei um einiges gigantischer und damit gruseliger als im Original rüberkommt, aber eine sehr viel interessantere Figur wurde. Eine große Freude. 

Kommen wir zuletzt zum großen Antagonisten: Sheer-Khan. Er wurde furchteinflößend animiert, Elbas Stimme passt hier perfekt: Mit tiefem Grollen marschiert er durch die verdörrte Steppe, auf der Jagd nach dem Menschenkind, das irgendwann einmal groß genug sein wird, um ihn gefährlich zu werden. Das geruhsame Leben im Dschungel, bei dem die Gemütlichkeit sonst - wenn es nach Baloo gehen würde - an der Tagesordnung sein würde, ist dahin.

Die Technik, die dieser Film benutzt, ist phänomenal, man möchte denken, dass reale Tiere genutzt wurden, so echt erscheint alles. Auch die Szenerie ist aufregend inszeniert worden, sei es bei den wilden Jagden der Wölfe mit Mowgli im Schlepptau durchs Unterholz, oder der gigantische, alte Tempel, in dem King Louie mit der Affenbande haust. Selbst die Songs aus dem Original kommen vor, die auch allesamt treffend platziert wurden, sodass es nicht zu einem 3D-Musical wurde. Die Laufzeit des Films vergeht wie im Fluge, die Länge von 105 Minuten geht unglaublich schnell dahin, man möchte eigentlich noch mehr über manchen Figuren sehen, so hat die Schlange Kaa nur leider einen Auftritt von gerade einmal ein paar Minuten, da wäre mehr drin gewesen.

Ansonsten ist dies eines der besten Remakes, die ich bislang im Kino erleben durfte. Ich betone das "Kino", denn dort lohnt es sich den Film anzusehen. "Iron Man"-Regisseur Favreau hat es geschafft, die alte Disney-Magie in umwerfenden Bildern wiedererwecken zu können. 



Sonntag, 15. November 2015

Der Marsianer - Rettet Mark Watney




The Martian, Ridley Scott, USA 2015 - 9.25/10

"Schon wieder ein Science-Fiction-Film?" Das waren meine Gedanken, als mir vorgeschlagen wurde, doch diesen neuen Film von Ridley Scott anzusehen, der zwar viele Erfolge verbuchen konnte (Gladiator, Alien, Blade Runner), aber in letzter Zeit genauso viele Flops produzierte (Prometheus, Exodus). Ich war also skeptisch, da der Film aber im Original im örtlichen Kino lief, ließ ich mich überreden. Bewusst habe ich keinerlei Vorschau zu diesem Film angeschaut, ging also total unvorbereitet in die Vorstellung.

Zwei Stunden später: Ich bin komplett begeistert, bis auf ein paar kleine Ungereimtheiten ist dies der unterhaltsamste Weltraum-Film der letzten Jahre - nur "Guardians of the Galaxy" kommt in dessen Nähe. "Der Marsianer" hat einen riesengroßen Vorteil gegenüber so vielen anderen Sci-Fi-Filmen, der ihn angenehm vom Einheitsbrei abhebt: Er nimmt sich selbst nicht zu ernst. Neben flotter Musik und einer überraschend großen Prise Humor wird alles - soweit ich das beurteilen kann - korrekt wissenschaftlich wiedergegeben. Also eine Feier für wissenschaftlich interessierte Filmgucker, die aber nicht von technischen Daten erschlagen werden wollen. Wer jetzt denkt: Mensch, das trifft ja voll auf mich zu, der ist hier genau richtig.

Der Film beginnt, wie konnte es auch anders sein, auf dem Mars. Eine Expeditionscrew der NASA namens "Ares 3" (neben Damon unter anderem noch Jessica Chastain und Michael Pena) ist gerade auf einem Einsatz, als ein gigantischer Sandsturm einsetzt, der die Crew zwingt, dem Planeten den Rücken zu kehren und schleunigst in Richtung Erde aufzubrechen. Allerdings wird ein Mitglied beim Versuch das Raumschiff zu besteigen, von einem Teil getroffen und in den Sturm gezogen. Notgedrungen muss die Crew ohne ihn aufbrechen, er ist tot....

Oder etwa doch nicht?! SPOILER!!

Es ist ja kein Kurzfilm, also darf ich verraten: Mark Watney hat überlebt und versucht nun irgendwie Kontakt mit der Heimat aufzubauen und schlichtweg zu überleben. Was sich äußerst schwierig gestaltet, denn es gibt zwar Wasser und Nahrung in der Station auf dem Mars, allerdings ist diese begrenzt und wie ihr ja wisst, kann man schlecht Nahrung auf dem Mars anbauen.

Was jetzt wie ein trockener Überlebens-Reißer klingt, ist bei weitem keiner. Zwar gibt es immer wieder dramatische Sequenzen, die den Zuschauer in atemberaubenden Bildern an die Leinwand fesselt. Es ist vor allem der bereits beschriebene lakonische Humor, mit dem Watney seine Situation betrachtet - was vor allem der sensationellen Vorlage von Andy Weir zu verdanken ist, das Buch kann ich sehr empfehlen. Da im Film innere Monologe nur schwer darzustellen sind, kam es zur Entscheidung, dass Watney ein Video-Tagebuch führt, in dem er seinen Alltag dokumentiert. Was für Erlebnisse dabei macht und ob er die Erde wieder erreichen kann, wird jetzt natürlich nicht weiter beschrieben, dafür müsst ihr den Film schon selbst sehen.

Matt Damon wird zu 100% für seine Leistung mit einer Oscar-Nominierung versehen werden (ob er gewinnt ist eine andere Frage, dazu demnächst mehr, Leo und Michael Fassbender werden es ihm schwer machen), er spielt herausragend. Dass Ridley Scott zu solch einem Erfolg noch einmal fähig wäre, hätte ich nicht für möglich gehalten, doch ist es passiert. Nach "Gladiator" könnte auch er wieder im Oscar-Rennen sein, auf seine alten Tage. Der Film ist ein riesiger Hit in den amerikanischen Kinos gewesen, was ein sicheres Anzeichen für kommende Preise sein könnte (siehe "Gravity" und "Interstellar" - beim ersten mehr als beim zweiten).

Ein komplett überraschender, extrem unterhaltender und gleichzeitig spektakulärer Film.


Sonntag, 18. Oktober 2015

THE RETURN // Mission Impossible - Rogue Nation

Erst einmal: Ich werde ab jetzt wieder regelmäßig neue Einträge im Blog verfassen!!!



Macht euch also auf einige ausgezeichnete Posts gefasst. Auch der Podcast wird weitergeführt.
Es geht gleich los mit dem bislang zweitbesten Actionfilm des Jahres. Platz 1 dürfte bekannt sein.



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BENJI, OPEN THE DOOR!!



Christopher McQuarrie, USA 2015 - 9/10

War der fünfte Teil einer Film-Reihe jemals gut? Oder sei es nur zufriedenstellend, so dass man die DVD / blu-ray / VHS (um mal wirklich auf alte Schule zu machen) nur reinlegt, das Gehirn zwei Stunden ausstellt und sich entspannt dem Film hingeben kann? Ich persönlich kann mich an keinen einzigen fünften Teil erinnern, der mich wirklich mitgenommen hat - "Star Wars: Angriff der Klonkrieger" ist der einzige, an den ich mich erinnern kann und der war nicht gerade herausragend.

Das Problem besteht darin, dass man die Figuren zu sehr kennt, man kann schlecht neue Seiten an ihnen entdecken. Die Action wird beliebig und auch die Handlung muss irgendeine spannende Wendung bereithalten, um überzeugen zu können. Jetzt denkt ihr euch bestimmt: Oh-oh, und jetzt schreibt er über einen fünften Teil, was soll das denn geben?!

Ganz einfach: Dies ist der beste Teil der "Mission Impossible" - Reihe. Die Figuren sind wohlbekannt und um einiges besser integriert in die Handlung, als es noch im bereits ausgezeichneten "Ghost Protocol" der Fall war. Die Crew ist wieder mit von der Partie: Zum einen der Anführer der IMF-Organisation Ethan Hunt (Tom Cruise in Höchstform), der zu Beginn des Films verhindern soll, dass eine Kiste voller brisanter Inhalte in die falsche Hände geraten soll. Diese Kiste befindet sich allerdings in einem Flugzeug und dieses Flugzeug ist im Begriff zu starten und wer hätte es anders gedacht: Ein Ticket hat Ethan selbstverständlich nicht. Also rennt er kurzerhand zur Maschine, krallt sich an ihr und brüllt seinen Techniker Benji (Simon Pegg) an, der doch bitteschön die Tür öffnen solle.

Das Flugzeug startet und Ethan krallt sich immer noch am Flugzeug fest, sein Kollege William Brandt (Jeremy Renner) ist ebenso besorgt - aber auch nicht nur ihm ihn denn intern gibt es einige Probleme für das IMF, der Chef (Alec Baldwin) kritisiert die Einsätze, die allesamt ohne Bewilligung und mit großen Verlusten jedesmal von statten gehen. Und Ethan hängt immer noch am Flugzeug fest, während eine Bedrohung von einem großen Geheimbund droht: Dem Syndikat.



Dies ist nur der Beginn dieses rasanten Actionreißers, der keine Wünsche offen lässt: Spektakuläre Verfolgungsjagden, waghalsige Manöver und unerwartete Wendungen, die diesen Film nicht nur zu einem 08/15 Einerlei werden lassen. Die Bösewichte, die ich natürlich nicht preisgeben werde, bleiben leider etwas zu klischeehaft, ihre Motive sind unklar (was sich nach mehrmaligen Ansehen des Films aber noch durchaus ändern kann, im ersten Moment war ich etwas verwirrt). Aber ansonsten habe ich so gut wie gar nichts zu kritisieren.

Ein ausgezeichneter Genre-Film, der auch von der Chemie zwischen den Figuren lebt, vor allem Cruise und Pegg ergänzen sich hervorragend, was auch an den lockeren Dialogen liegt, die sie mühelos miteinander wechseln.


Der Song im Titel ist übrigens der bislang beste Song des Jahres: Die Comeback-Singel meiner liebsten Band aller Zeiten: "Gunga Din" von The Libertines.


Samstag, 25. Juli 2015

Ant-Man

I think we should call the Avengers!




Peyton Reed, USA 2015 - 8.75/10

Wenn ihr den Link zu diesem Film angeklickt habt, dann werdet ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit gedacht haben: "Oh man, schon wieder ein Marvel-Film. Das reicht aber langsam mal." und ich kann ich komplett verstehen. Mir ging es nämlich genauso - was sollte dieser Film bieten, was schon so viele Actionfilme dieser Art vorher boten? Tja, liebe Leute, dies hier ist der beste Marvel-Film seit dem ersten "Captain America"!!! Wieso das so ist, lest ihr im Folgendem.

Dieser Film nimmt sich nicht zu ernst, der Trailer führt in die Irre. Er ist das genaue Gegenteil der ernsten Handlung, der weltbewegenden Katastrophe, die angeblich eintreten könnte. Natürlich gibt es wie gewohnt einen Bösewichten, der Macht an sich reißen will - hier mit Hilfe eines Kampfanzuges (aber dazu später mehr) - aber es ist viel eher die Geschichte des Räubers Scott Lang (Paul Rudd), eines legitimen Verlierers, als die um Darren Cross (Corey Stoll aus "House of Cards", oder auch Hemingway aus "Midnight in Paris"), der als Antagonist zwar viel rumbrüllt, aber nicht überzeugen kann. Schade, denn sonst macht dieser Film sehr viel Spaß. Rudd spielt sehr überzeugend, als Mann, der nicht viel zu Stande bringt, aber ein großes Herz hat, vor allem wenn es um seine kleine Tochter geht, die bei ihrer Mutter (Judy Greer ) und dessen Partner, dem Polizisten Paxton (Bobby Cannavale, aus "Boardwalk Empire") lebt.

Der Film beginnt mit Scotts Entlassung aus dem Gefängnis nach drei Jahren, und er wird gleich enthusiastisch von seinem besten Freund Luis (Michael Pena, der allen anderen die Schau stielt) empfangen. Scott kann erstmal bei ihm und seinen Kumpels Kurt (David Dastmalchian, beeindruckend in "Prisoners", hier leider mit albernen russischem Akzent) und Dave (Rapper "T.I."). Die drei wollen Scott gleich wieder zu einem kriminellen Auftrag überreden, ohne ihn klappe es nicht. Er sträubt sich zunächst dagegen, aber mit einem legalen Job will es nicht klappen und als er letztlich den Unterhalt für seine kleine Tochter nicht mehr zahlen kann, stimmt er letztlich zu. Scott steigt also in das leerstehende Haus ein, doch lässt sich nichts kostbares entdecken... bis auf einen alten Motorradanzug nebst Helm mit Antennen. Scott nimmt ihn mit, weil es sonst nichts zu holen gab.

Na, wer kennt sich aus? BLUE STEEL
Aus Neugier zieht Scott den Anzug an, entdeckt zwei Knöpfe an beiden Händen und ZACK, er ist auf Ameiseingröße geschrumpft. Aber nicht nur das: Dr. Pym (Michael Douglas) spricht zu ihm in seinem Helm. Vielleicht war es doch ganz gut, dass er in diese Wohnung gestiegen ist, ein Zufall war es auf jeden Fall nicht.



Reed schafft es auch Dank des Einflusses von Edgar Wright ("Cornetto"-Trilogie) einen konstanten Witz den ganzen Film über beizubehalten, der ihm eine gewisse Lockerheit verleiht, welchem so vielen Comic-Filmen fehlte, dem letzten Avengers-Film eingeschlossen, der in einer wunderbaren Sequenz in die Handlung eingebaut wird. Die Prämisse ist Films ist lächerlich, aber das ist für die Macher absolut kein Problem, seine Stärken kommen erst gerade daher. Scott schlägt zum Beispiel vor, die Avengers zu rufen, die seien doch viel eher bereit, das Böse zu bekämpfen als er. Natürlich muss er aber letztlich selbst die Welt retten, aber da alle Zuschauer diese übliche Geschichte schon kennen, konzentriert sich der Film viel mehr auf die anderen Elemente, und davon hat dieser Film einige zu bieten. Die Nebenfiguren sind bis in die kleinste Rolle sehr gut besetzt - der Bösewicht ist leider nicht gut gelungen, aber das hat Corey Stoll nicht zu verantworten, die Rolle ist einfach nicht gut geschrieben. Pyms Tochter Hope (Evangeline Lilly, die ihr alle aus "LOST" kennen solltet) zum Beispiel wandelt zwischen zwei Welten und es ist spannend ihren Konflikt mitzuerleben.

Selbst auf Deutsch kommen die Witze gut rüber, der Film lebt von diesen Momenten, aber auch die Action kommt keinesfalls zu kurz. Die letzte große Szene des Films, die in einem Kinderzimmer spielt, ist um einiges mitreißender, als viele große Schlachten in Hollywood-Reißern. Der Einfallsreichtum, der in diesem Film demonstriert ist sehr erfreulich, es wird eine neue Perspektive aus der Größe einer Ameise auf viele bekannte Tropen des Films (Verfolgungsjagden, Stand-Offs) geworfen.

Wer von vielen Comic-Blockbuster gelangweilt ist, aber grundsätzlich Actionfilme mag, für den ist dieser Film absolut richtig. "Ant-Man" nimmt sich nie zu ernst, bleibt unterhaltsam dabei, vor allem in den Nebenfiguren - man beachte Luis - aber auch einen charismatischen Helden, der leider in voller Montur versteckt etwas von seinen Charme verliert, in seinem Kampf gegen den merkwürdigen Gegner - aber das ist meckern auf hohem Niveau. Ich hatte viel Spaß, schaut ihn euch noch im Kino an, solange er noch dort läuft, ein großes Vergnügen.

Montag, 8. Juni 2015

Moonrise Kingdom



Wes Anderson, 2012 USA - 9.5/10

Hach, jung zu sein und das erste mal zu lieben. Das war das Gefühl, als sich Wes Anderson und Roman Coppola diesen Film ausgedacht haben müssen. Es gibt unzählige Filme über die Liebe, aber dieser hier, der ist ein besonderer, was vor allem an der unfassbaren Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren liegt, die Wes Anderson-typisch abgedreht sind und in keinem normalen Haushalt zu finden sind, allerdings gerade dadurch einen besonderen, unwirklichen Touch. Susi und Sam passen perfekt zusammen eben weil sie nicht perfekt sind. Klingt verrückt, aber macht im Verlauf dieses Films absolut Sinn.

Auf einer fiktiven Insel in den 1960er Jahren, irgendwo nahe der Ostküste, namens New Penzance, hat ein kleiner Pfadfinder namens Sam Shakusky (Jared Gilman) keine Lust mehr, sich das (im Grunde sensationell gemachte) Theaterstück über die Arche Noah in der Kirche anzusehen. Kurzerhand nimmt er Reißaus und verschwindet in den Hinterräumen, dort in die Mädchen-Umkleidekabine. Fünf als Vögel verkleidete Mädchen sitzen vor dem großen Spiegel und machen sich für ihren Auftritt bereit. "What kind of bird are you?" fragt er sie. Sie ist der Rabe (und Star) der Show: Suzy Bishop (Kara Hayward). Irgendetwas macht in dem Moment *KLICK* und die beiden beginnen sich für einander zu interessieren. Am Schluss dieser exzellenten Anfangsszene erhält Sam einen Brief von Suzy...


Ein paar Monate später - sie haben sich zwischenzeitlich immer wieder Briefe geschrieben (was in einer urkomischen Montage gezeigt wird) - treffen sich beide auf einer großen Wiese wieder, voll bepackt: Sam ist aus dem Pfadfinderlager ausgebrochen, während Suzy Reißaus von zu Hause und ihren anstrengenden Eltern (Frances McDormand und Bill Murray) genommen hat. Alle sind in heller Aufruhr, wie der Leiter der Pfadfinder Scout Master Randy Ward (Edward Norton) und der alarmierte Polizist Captain Sharp (Bruce Willis(!)), der mit dem einzigen Auto der Insel auf die Suche nach den beiden geht, unterstützt von den anderen Pfadfindern. Sam und Suzy allerdings genießen ihre gemeinsame Zeit bei der sie noch mehr als Freundschaft füreinander entwickeln.


Wes Anderson gelingt es wieder einmal eine vergangene Zeit wieder auferstehen zu lassen. Diesmal jedoch in einem eigens dafür geschaffenen Umfeld - eine fiktive Insel, auf der er alle seine Einfälle genug Platz haben um farbenfroh und überraschend eingesetzt werden können. Die Locations (meistens wurde in Rhode Island und Massachusetts gedreht) sind perfekt gewählt, eine heimelige, abgeschiedene, vergangene Atmosphäre wird erzeugt, die den ganzen Film über fesselt. Das klingt jetzt dramatisch, aber das ist es gar nicht. Der Film sprudelt über von Sprachwitz, Situationskomik und absurden Momenten - wie ein Baumhaus, das acht Meter hoch auf einem dünnen Baumstamm steht. Man wird durchgängig unterhalten.

Die Schauspieler machen ihre Arbeit erstklassig, Bruce Willis vor allem, den man sich im verqueren Kosmos eines Wes Anderson im Vorfeld nur schwer hätte vorstellen können, ist ganz anders als seine John McClane-Stirb Langsam-Actionstar-Persona (was für ein Wort!!) die tragischste Figur im ganzen Film. Edward Norton (der später auch in "Grand Budapest Hotel" eine entscheidende Rolle spielt) ist ebenso in seiner Kindheit scheinbar gefangen, alle Erwachsenen sind im Grunde sehr viel mehr von Problemen belastet, als alle Kinder, nach denen gesucht wird.

Für manche dürfte dieser Film zu abgedreht sein, und selbst ich muss zugeben, dass manche Szenen - wie etwa das reine präsentieren von Suzys merkwürdigen Gegenständen - etwas übertrieben ist, aber ansonsten ist es ein extrem liebenswerter Film, der von seinen beiden Jungstars lebt und von den Altstars in perfekter Weise abgerundet wird. Die große Liebe lässt sich im Film doch noch entdecken und sei es nur auf einer verqueren, fiktiven Insel unweit der amerikanischen Ostküste in den sechziger Jahren. Wenn man sich darauf einlässt - bei mir passierte es nach dem dritten mal sehen - dann kann die letzte Szene einem das Herz brechen.

Samstag, 6. Juni 2015

L.A. Confidential

Hush, hush!



Curtis Hanson, 1997 USA - 10/10

Ladies und Gentlemen, wir haben es hier mit einem GOLD-Standard im Thriller-Genre zu tun. Es ist nicht nur so, dass eine unfassbar vielschichtige Story dem Zuschauer vorgesetzt wird, die man um ehrlich zu sein, erst beim dritten sehen vollständig begreifen kann, es ist vor allem die Atmosphäre, die in Hansons Meisterstück in einem Los Angeles, abseits des American Dreams, erschaffen wurde. Der Film basiert auf der einflussreichen Roman-Vorlage von James Ellroy von 1990, die sich auf den berühmten, tatsächlich geschehenem Night Owl-Mord 1953.

Der Film spielt im Jahre 1953 und verfolgt drei ganz unterschiedliche Polizisten, die alle drei verschiedene Methoden haben, um ihre Arbeit erfolgreich auszuführen. Zunächst ist da Ed Exley (Guy Pearce), der seinem Vater als ehrenhafter Cop nacheifern will und auch vor unpopulären Maßnahmen nicht zurückschreckt, um seine Integrität zu bewahren. Eine dieser Taten ist sein Eingreifen am Abend der Polizei-Weihnachtsfeier, die außer Kontrolle gerät.

Wie jeder weiß, braucht man zu einer ordentlichen Weihnachtsfeier, und sei es die des örtlichen Polizeipräsidiums, eine gute Portion Alkohol. Für die Lieferung ist Wendell "Bud" White (Russel Crowe) zuständig. Im Gegensatz zu Exley ist er eher aus einem groben Holzpflock geschnitzt. Er schlägt gegebenenfalls zu, wenn es die Situation verlangt, was seinem Vorgesetzten Dudley Smith (James Cromwell) natürlich gefällt, denn so ist er in jeder Situation einsetzbar. Aber zurück in den "liquor store", bei dem dieser so harte, stählerne Mann auf eine bildhübsche Frau trifft: Lynn Bracken (Kim Basinger, die für diese Rolle mit dem Oscar wurde), die Bud den Atem raubt und eine sehr interessante Rolle in der Geschichte zu spielen hat.


Der dritte im Bunde ist der Star der Bande: Jack Vincennes (Kevin Spacey) ist neben seiner Tätigkeit im Büro als Berater bei der TV-Show "Badge of Honor" tätig, er ist dementsprechend ein bekannter Mensch in Hollywood und er kostet dies vollends aus. In der ersten Szene des Films lässt er einen Nachwuchsschauspieler hochgehen, der seine Nase in zu viel weißes Puder gesteckt hat. Den Tipp hat er vom Verleger Sid Hudgens vom "Hush-Hush-Magazine", das allerhand Skandale der Schönen und Reichen aus der Traumfabrik ans Tageslicht gefördert hat.

Vincennes ist an jenem Abend der Weihnachtsfeier zugegen, bei der es zu wild zur Sache geht. Es gibt einige Konsequenzen und als Folge dessen müssen die drei angesprochenen Kommissare zusammenarbeiten. Mehre Wochen später werden sie des Nachts zu einem Restaurant in Los Angeles gerufen: Im "Nite Owl" gab es eine Schießerei. Was darauf folgt wird hier nicht weiter beschrieben, nur soviel, dass etliche Personen darin involviert sind, mehrere Polizisten zu Helden aufsteigen und die Drahtzieher weit mehr Macht besitzen, als man es sich vorher gedacht hätte. Und was hat die Edel-Prostituierte Lynn Bracken mit alledem zu tun? Exley, White und Vincennes, bitte übernehmen sie!

Was sich nach einer überaus komplexen Handlung anhört, ist genau diese: Wie bereits im Eröffnungsabschnitt angesprochen, ist dies kein einfach gestrickter Film, sondern einer, der mehrmaliges Sehen belohnt. Dafür sind alle Figuren überaus nuanciert, kein einziger Charakter ist ganz Klischee-beladen (auch wenn man dies oftmals zunächst annehmen möchte). Das macht den besonderen Reiz dieses Neo-Noir Klassikers aus. Es sind die Figuren, die den Film prägen, neben der wendungsreichen Handlung.

Hanson gelingt es eine Ära auferstehen zu lassen. Das Hollywood der 1950er Jahre bietet dafür die ideale Bild- und Spielfläche. Es sind nicht nur die Kostüme, Kulissen und die perfekt gewählte Musik, die einen wie in ein Bilderbuch eintauchen lassen. Der "American Dream", den jeder einzelne Mensch als Konzept vor Augen hat, wird auf den Kopf gestellt, was sich durch die Brutalität der "Nite-Owl"-Morde manifestiert. Drei unterschiedliche Figuren versuchen den Fall zu lösen und dringen in eine Unterwelt ein, die von Korruption, Lügen und Prostitution gekennzeichnet ist und den Zuschauer in seinen Bann zieht.

Ich liebe diesen Film so sehr, weil er in solch einem Ausmaß um einiges vielschichtiger ist, als heutige Standard-Thriller-Kost. Alle, die sich auch nur im entferntesten für das Genre des Polizeifilms interessieren, müssen dieses Meisterwerk sehen. Häufigen "Tatort"-Zuschauern wird ein ganz neues Level dargeboten, das man im Fernsehen so nie sehen kann.

Wäre 1997 nicht solch ein kleiner Film wie "Titanic" in die Kinos gekommen, "LA Confidential" hätte bei den Oscars um einiges mehr abgeräumt. So blieb es leider bei einem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch und einem für Kim Basinger, als beste weibliche Nebenrolle. Ich hätte ihn in allen wichtigen Kategorien gewinnen lassen. Ein Meisterstück der Thriller-Kunst, bei dem sich so viele heutige Filme ein großes Stück abschneiden können.



Sonntag, 24. Mai 2015

Alles eine Frage der Zeit



"About Time" - Richard Curtis, UK 2013 - 8.5/10

Im Grunde habt ihr alle diesen Film bereits gesehen. Er ist eine 08/15 romantische Komödie, doch ist er so gut gemacht, die Chemie zwischen den Zuschauern ist perfekt, interessante Drehorte wurden gewählt und vor allem befindet sich ein besonderer erzählerischer Kniff im Film, die ihn erst besonders macht. Aber dazu natürlich erst später mehr, wenn ihr komplett überrascht werdet wollt, dann lest jetzt NICHT weiter, sondern seid gewiss, dass ihr hier einen unterhaltsamen Film haben werdet, der euch nicht enttäuschen wird.

"Boy meets girl" - Es ist die alte Formel des Films, von der so viele Werke schon davor lebten. Der Junge hier ist Tim (Domhnall Gleeson, Bill aus "Harry Potter), ein rothaariger, schlacksiger und schüchterner junger Mann, der an seinem 21. Geburtstag in das große Familiengeheimnis eingeweiht wird. Alle Männer der Familie können in die Vergangenheit zurückreisen. Eine sehr hilfreiche Eigenschaft, die quasi jede unglückliche Situation ins gerade Licht rücken kann.

 Nur als Beispiel: Der Film beginnt auf einer Sylvester-Party, der Countdown zum neuen Jahr läuft und anstelle, dass unser Held, Tim, eine junge Frau bei Schlag Mitternacht küsst (Hallo, Cinderella!), gibt er ihr ein HÄNDESCHÜTTELN, als einen Kuss. Die Situation endet in peinlichem Schweigen, also macht Tim das, was sein Vater ihm beigebracht hat: Er geht in einen dunklen Raum, schließt die Augen und ZACK, er befindet sich wieder beim Countdown zum neuen Jahr und diesmal macht er alles richtig: Er küsst das Mädchen diesmal. Sie ist aber noch nicht die Auserwählte aus Tims Träumen.

Allein jetzt hat der Film bei mir bereits gewonnen, denn er nimmt ein bewährtes Element aus einem meiner absoluten Lieblings-Filmen "und täglich grüßt das Murmeltier" ("Groundhog Day") auf und setzt dieses fort. Tim will mit seinem neuen Wissen keinen Reichtum oder Ruhm erlangen, sondern viel mehr das Herz einer holden Dame erobern. Diese Dame trifft er auch, bei einem buchstäblichen Blind Date: Mary (Rachel McAdams, Regina George aus "Mean Girls") ist das Mädchen seiner Träume, sie aber kennen zu lernen gestaltet sich um einiges schwieriger, als sich Tim vorgestellt hat - was aber natürlich in einem Film geschehen muss, sonst wäre es ganz schön langweilig.

Smooooooooth, bro!!

Denn langweilig wird es den ganzen Film über nicht. Wie Tim immer wieder seine neu gewonnenen Kräfte anwendet ist höchst amüsant und passt gut in die Rahmenhandlung, die vor allem aus der Chemie zwischen Gleeson und McAdams lebt. Bill Nighy als Tims Vater glänzt ebenso - er verleiht der Handlung noch eine große Portion Tiefgang, die ich nicht erwartet hätte. Lindsay Duncan als Tims Mutter ist genauso überzeugend (sie spielte Michael Keaton's Exfrau in "Birdman"). Das letzte Drittel wird äußerst dramatisch, was zwar manchmal etwas übertrieben wirkt, aber im großen und ganzen passt. Manche Nebenfiguren sind etwas schlampig in die Handlung intigriert worden, wie der rothaarige Cousin, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht und auf einmal eine wichtige Rolle einnimmt. Aber sonst habe ich so gut wie nichts zu meckern, man mag darüber diskutieren, ob Tims Handlungen dumm und egoistisch erscheinen mögen, aber sie schmälern nicht den Spaß, den ich bei diesem Film hatte.

Ein sehr unterhaltsamer Film mit einer Spur "Zurück in die Zukunft" und einem großen Stück "Groundhog Day", der nie langweilt und, wenn man in der richtigen Stimmung ist, ein breites Grinsen auf's Gesicht zaubert. Vielleicht wäre ein anderer Titel sinnvoll gewesen, denn "About Time" wirkt äußerst abgedroschen und uninspiriert (genauso wie der deutsche Titel), da hätte sich Richard Curtis (der vor allem als Schreiber von "Notting Hill" und "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" bekannt wurde) etwas mehr einfallen lassen können.


PS: Der Song aus der Überschrift stammt von Ben Howard, dessen beide Alben ich nur wärmstens empfehlen kann.

Samstag, 16. Mai 2015

Mad Max: Fury Road




George Miller, USA 2015 - 9.75/10 

Als die Credits liefen, fühlte ich mich als ob mir jemand Sand aus meinem Schädel gepustet hätte, der mein Wissen über Actionfilme darstellt. Dieser Film ist der kommende Goldstandard, an dem sich alle zukünftigen Werke dieses Genres werden messen lassen müssen. Über dieses Meisterwerk kann man so viel schreiben, aber das werde ich hier nicht machen, ich versuche euch einen kleinen Einblick zu geben, solltet ihr nach diesem ersten Absatz noch nicht heiß darauf sein.

Beginnen wir bei der Handlung: Max Rockatansky braust nach einem kleinen Eidechsen-Snack durch das karge Ödland, als er von einer Bande in monströsen Autos und auf rasenden Motorrädern, gefangen genommen wird. Kommandiert werden diese extrems weißhäutigen und glatzköpfigen Raufbolden von Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne), ein alter Warlord, der sich das gesamte Wasser und Benzin der Region unter den Nagel gerissen hat und damit alle Einwohner kontrolliert. Desweiteren ist in dieser Zivilisation das Kinderkriegen zum kostbaren Gut geworden - neben der Muttermilch, welche großzügig in einer doch sehr verstörenden Szene, abgepumpt wird. Fünf bildhübsche junge Damen, welche zwangweise von Immortan Joe als Gebärmaschinen missbraucht werden, sollen in das nächste Lager transportiert werden. Das klingt nach einen Auftrag für Imperator Furiosa (Charlize Theron), die sich flux mit dem großen Lastwagen voll mit Wasser, Benzin und den Ladys auf den Weg macht.

Doch dann... IHR HABT ES ERRATEN!!! ändert sich der Plan, der Zuschauer trifft Max wieder, der als Blutkonserve missbraucht wird (bitte spätestens JETZT auf die Überschrift klicken, damit ihr das versteht), ausgenutzt vom blassen Schergen Nux (Nicholas Hoult), der auf Verfolgungsjagd geht.Mit keinem Platz auf dem Beifahrersitz, also wird Max flux an die Front des Autos geschraubt, Maulkorb inklusive. Die erste von drei gigantischen Verfolgungsjagden beginnt, die spektakulärer sind, als alle Szenen dieser Art, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Meine Kinnlade ist bereits beim ersten Crash runtergefallen und dort blieb sie auch. Das besondere hierbei ist, dass wirklich alle Stunts zum einen wirklich ausgeführt wurden, sowohl mit echt gebauten Autos als auch mit wirklichen Stuntmen, die durch die Luft flogen. BUCHSTÄBLICH flogen. Oder an Stangen von einem Auto zum anderen hinüberschwangen. Es wurde teilweise an Computern ergänzt, vor allem sieht man das bei einem großen Knall im letzten Drittel, doch wirkt dieser Effekt so erfrischend, nach dem Computerspiel-Realismus, der NUR vor Greenscreen gedreht wird, aus Superheldenfilmen und anderen Actionstreifen.

Das Tempo des Films ist atemberaubend und wird nur teilweise durch ruhige, dramatische Momente unterbrochen, die zwar unter etwas holprigen Dialogen leiden und auch manchen Charaktere sind nicht mit einer richtigen Hintergrundgeschichte ausgestattet, aber gut, das kann man ohne Probleme verschmerzen. Es ist sehr viel positiver, gleich in die Geschichte zu fallen, als dass Max beispielsweise einen der Handlanger fragen muss: "Wer ist das da?" und der Handlanger sagt es ihm (und damit auch dem Zuschauer).



In "Fury Road" wird sehr viel über die Handlung gemacht. Max wird von einer Situation in die nächste geworfen, aber er tritt wirklich erst im zweiten Drittel des Films auf, nachdem er aus seiner misslichen Lage befreit wird, erst da konzentriert sich der Film auf seine Perspektive. Zuvor werden Furiosa und Immortant Joe seperat verfolgt. Ein cleverer Schachzug, der den Zuschauer um einiges effektiver in die Handlung zieht und sich dabei auf die Orte abseits der Wüste. Die Zitadelle beispielsweise, die Basis von Imortant Joe, ist spektakulär gestaltet und all ihre Bewohner sind direkt aus einem sensationell verrückten Comic entnommen. Insgesamt erinnert der Film sehr an das leider untergegangene Videospiel "RAGE" von 2011, das ebenso in einem Wüstenszenario angesiedelt ist. Vor allem die erste Szene, bei der Max ans Tageslicht gelangt ist fast 1:1 aus dem Spiel kopiert worden, was mich sehr gefreut hat, denn ich bin immer noch großer Fan dieses Spiels.

Ich wiederhole es noch einmal: Ich war komplett begeistert von "Mad Max: Fury Road" und hatte nie gedacht, dass mich ein Actionfilm jemals noch überraschen könnte. Schaut ihn euch an, so lange er noch im Kino läuft, George Miller hat mit seinen 70 Jahren es allen gezeigt. Theron und Hardy spielen großartig, es gibt nur verrückte Figuren - wie den noch gar nicht erwähnten Gitarristen (unterstützt von sechs Trommlern), der einen völlig übertriebenen, dabei aber enorm effektiven Rock-Soundtrack über die Szenerie wirft und die Truppen einheizt.

Ein besonderes Lob an Nicholas Hoult, der seinem Nux enorm viel Leben einhaucht. Diese Figur sagt die meiste Zeit nur sinnloses Zeug, doch seine schauspielerischen Künste lässt sie so viel interessanter erscheinen, als es vorher geplant wurde. Tom Hardy hat nicht viel zu sagen, das wurde aber zu unrecht kritisiert, meiner Meinung nach ist es genau richtig, sich mehr auf die vielen Figuren zu konzentrieren, als eine One-Man-Show starten zu lassen. Filme dieses Genres mit es tausende, man denke nur an Schwarzenegger- oder Stallone-Streifen. Über die Rolle Charlize Therons habe ich bewusst nicht viel verraten, doch ist sie letztlich die beste Kämpferin des gesamten Films.

Wer auch nur im entferntesten am Genre des Actionfilms seine Freude hat, der muss diesen Film sehen. Ich hätte ihm fast die Höchstwertung verpasst.

Dienstag, 5. Mai 2015

Enemy




Denis Villeneuve, CAN 2013 - 8.75/10

"Der Doppelgänger", so heißt der Roman vom portugiesischem Literaturnobelpreisgewinner José Saramago, auf dem dieser Film basiert. Eine bekannte und häufig verwendete Ausgangssituation, die hier im kanadischen Toronto angewandt wird. Denis Villeneuve (dessen "Prisoners" ich bereits für sensationell empfand) schafft es, solch ein scheinbar abgenutztes Thema in unglaublich atmosphärische Bilder zu packen. Eine vertrackte Handlung und dazu noch sehr gute schauspielerische Leistungen von Jake Gyllenhaal in einer - ihr habt es erraten!! - Doppelrolle und den beiden (sexy) Nebendarstellerinnen Mélanie Laurent (Shosanna aus "Inglourious Basterds") und Sarah Gadon ("Dracula Untold").

Adam Bell (Gyllenhaal) ist ein unauffälliger Geschichts-Dozent an einer Universität in Toronto. Sein Leben scheint recht eintönig zu verlaufen, er verbringt den Abend mit seiner Freundin Mary (Laurent), bis er von einem Arbeitskollegen auf einen Film aufmerksam gemacht wird, den er sich auch prompt ansieht. Er bleibt gebannt an einer Szene hängen: Dort sieht er sich... aber das kann ja gar nicht sein. Oder doch?


In den Credits findet er einen Namen, über den er im Internet weiter nachforscht: Anthony Claire. Er findet noch weitere Filme und tatsächlich, es ist dieselbe Person, unmöglich. Adam wird immer verwirrter, als er Anthonys Nummer erhält und diese wählt, hat er eine Frau am Apparat, die ihn sofort für Anthony hält. Kurz darauf sieht der Zuschauer Anthony zum ersten mal...

Ein hochklassiges und immens spannendes Verwirrspiel entwickelt sich, das nie seinen Fuß vom Gaspedal nimmt, keine einzige Sekunde ist unspannend, das Erzähltempo ist perfekt gewählt worden. Viele surreale Elemente sind scheinbar wahllos in den Film integriert, die aber jetzt näher zu erläutern, würde viel von den Überraschungsmomenten wegnehmen, von denen dieser Film viele zu bieten hat.

Bevor ich zu einem abschließendem Urteil gelange, muss ich ein Wort über das Ende verlieren. Ich habe in meinem Leben vielleicht um die 500 Filme gesehen, aber das hier war das überraschendste, weil unerwartetste Ende aller Zeiten. Das lasse ich mal so stehen und kann nur sagen: Ihr werdet mit heruntergeklappter Kinnlade vor dem Bildschirm sitzen, oder wie ich einfach nur lachen, weil der Verstand nicht mit solch einer Szene rechnet. Ich weiß natürlich, dass die Szene mit einer Symbolik im Hinterkopf gefilmt wurde, aber dass dann solch eine Szene dabei entstehen könnte, war nicht zu erwarten gewesen.



Denis Villeneuve schafft es einen enorm faszinierenden Blick auf ein scheinbar bekanntes Thema zu werfen: Der unbekannte Doppelgänger. Jake Gyllenhaal bietet nach "Nightcrawler" eine weitere sensationelle Performance, er zählt meiner Meinung nach zu den interessantesten Schauspielern, die momentan aktiv sind. War seine Rolle in Villeneuves "Prisoners" eher im Hintergrund angesiedelt, dort spielten unterdrückte Emotionen und nicht genannte Storylines eine wichtige Rolle (da hätte man noch mehr raus machen können), kann er hier die ganze Palette an eindrucksvollen Szenen bieten. Ich würde den Film mit Sicherheit nach mehrmaligem sehen noch höher bewerten, so bleibt es bislang bei der sehr guten 8.75/10.

Als Kirsche auf diesem faszinierenden, verstörenden Werk, dessen Bilder in jeder Szene mit einem dunklen Schleier überzogen wurde, der die Szenerie noch bedrohlicher macht, dient das Ende, was mich persönlich komplett aus der Bahn geworfen hat und es bei euch genauso machen wird. Macht euch auf etwas gefasst.


Der Song aus der Überschrift ist "Weird Fishes / Arpeggi" von den Giganten RADIOHEAD vom letzten Großwerk "In Rainbows". Wie immer gilt: Link anklicken, Musik aufdrehen und dabei die Kritik lesen. Viel Vergnügen!

Montag, 27. April 2015

The Avengers 2: Age of Ultron

The gang's all here!


Joss Whedon, USA 2015 - 8/10

Der zweite Teil des Superhelden Multi-Packs "Avengers", wurde wie der extrem unterhaltsame Vorgänger, erneut von Joss Whedon inszeniert. Zuschauer, die mit dem Material nichts anfangen können seien gewarnt, für Neueinsteiger ist dieser Film nichts, alle Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren sind vom ersten Teil übernommen und auch durch die einzelnen Filme der Helden - Thor, Iron Man und Captain America - muss man sich im Vorhinein informiert haben, denn sonst steht man etwas verloren vor dem ansonsten recht simplen Actionvergnügen.

Der Zuschauer wird ohne jegliche Exposition ins Geschehen geworfen. Die sechs Helden - neben den drei bereits erwähnten sind es Black Widow (Scarlett Johansson), Bruce Banner aka HULK (Mark Ruffalo) und Hawkeye (Jeremy Renner) - ziehen direkt in die Schlacht. In einem lauschigem, verschneiten Wäldchen werden diverse Nazis erledigt (oder sollte ich besser "Hydra-Schergen" sagen?? - die kennt man ja noch gut aus dem bislang besten Marvel Film Captain America 1). Als die Festung eingenommen wird, geleitet von Oberst Strucker (Thomas Kretschmann (!)), treffen die Helden auf zwei äußerst interessante Figuren: DIE ZWILLINGE! Was sie so besonders macht, wird hier erstmal nicht weiter erwähnt, es ist besser, wenn ihr es selbst herausfindet.

Von dieser ersten Schlacht zurück, mit allerhand neuen Informationen, liegt der Fokus zunächst auf Tony Stark (Robert Downey jr) - ohne Metallanzug diesmal - der eine neue Art von, tja, was ist es... entwickelt. Im Grunde ist es ein neuer Roboter, der die Welt beschützen soll, der gleichzeitig aber auch eine eigenständige Intelligenz besitzt. Wenn ihr euch gedacht haben solltet: Das wird garantiert nicht gut gehen, ja dann ist heute euer Glückstag!! Denn dieses Ding namens "Ultron" gerät außer Kontrolle und die Avengers sind im Einsatz.

Die Handlung ist mitreißend und immer wieder durch gut gesetzte Verschnaufpausen durchzogen. Weil die drei "Haupthelden" jeweils eigene Film-Franchises besitzen, ist die Handlung häufig auf HULK, Black Widow und Hawkeye gerichtet. Eine interessante Geschichte zwischen der rothaarigen Schönen und dem grünen Biest entwickelt sich und auch Flynt, der Bogenmann, bietet viel mehr Hintergrund, als man zu Beginn des Films geglaubt hätte. Die Comics über ihn sind übrigens ausgezeichnet, die kann ich ohne Bedenken jedem ans Herz legen.

Allerdings gibt es einige Dinge, die mir den Spaß geraubt haben, so dass eine höhere Wertung ausbleiben muss: Der Film wurde an manchen Stellen merklich zusammengestaucht, es soll eine dreistündige Version existieren. So erscheint im letzten Drittel des Films eine Szene mit Thor, die einfach lachhaft in die Handlung integriert wurde. Vielleicht war es die Befürchtung der Filmemacher, dass er nicht häufig genug eingebunden wurde und er wird auch mit freiem Oberkörper gezeigt, was dem weiblichem Publikum durchaus gefallen dürfte. Aber es fehlte eine Einführung in diese Szene und vor allem: WO BEFINDET ER SICH??? Aber ich will ich zu viel verraten. Seine Szenen gehören ansonsten zu den witzigsten des Films, die Gags sind gut gesetzt und im Original werden sie noch mehr Sinn machen. Eine weitere Szene, die in einer Massenschlacht mündet, wurde unnötigerweise von einer Zeitlupeneinstellung eingefangen, was ich für komplett unnötig halte, aber gut, vielleicht ist das ja dieses "epische", was alle Actionfilme versuchen zu erreichen. Ich empfand diese Szene als schlichtweg dumm. Die Autobahn-Kampfszene war ebenso überflüssig, war sie doch fast eine 1:1-Kopie aus dem letzten Captain America-Teil, den ich wie es scheint, als einziger Mensch auf Erden, richtig schlecht fand.

Nun denn, das war es mit den Kritikpunkten, denn ansonsten wurde ich hervorragend unterhalten. Joss Whedon versteht es, die brachialen Massenschlachten durch viel eingestreuten Witz und überraschende Wendungen (HULK hat da viel bei zu tun) frisch zu halten. Ein besserer Schnitt hätte Wunder vollbracht, aber ansonsten ist der Film technisch hervorragend. Es wäre teilweise nur besser gewesen, etwas mehr vor Kulissen gedreht zu haben. Vor allem die Schlacht im Wald zu Beginn mag zwar schick aussehen, aber sie ist dabei so steril, dass sie auch aus einem Computerspiel hätte stammen können.

Auch der zweite Teil der Avengers macht Spaß, nur etwas mehr Abwechslung wäre wünschenswert, das Ende lässt da auf kommende Großtaten hoffen. Ihr werdet im Moment keinen unterhaltsameren Film in den Kinos finden. Die 2D-Version wird genügen. Ich wurde nicht von der Macht des 3D erschlagen, wie es bei "Gravity" der Fall war.


Montag, 20. April 2015

Oh Boy

"Wir haben auch Sojamilch." - "BITTE NICHT!"


Jan Ole Gerster, 2012 GER - 7.25/10

Im Englischem gibt es den Begriff des "Slackers" (von "slack": lustlos, schlaff), der Personen beschreibt, die durch ihre laxe Haltung im Arbeitsleben, und dem alltäglichen Leben im Allgemeinen, auffallen. Sie machen so gut wie nichts, leben in den Tag hinein und haben keinen richtigen Antrieb, ihre Situation zu ändern. Solch eine Person ist die Hauptfigur in Jan Ole Gersters Erfolgsfilm - unter anderem sechs Deutsche Filmpreise - "Oh Boy" (der im Englischem den sehr schönen Titel "A Coffee in Berlin" besitzt)

Niko Fischer (Tom Schilling) ist ein junger Berliner, Ende zwanzig, dem zu Beginn des Films das Geld ausgeht. Es ist aber nicht nur das, sondern auch sein latenter Alkoholkonsum, oder auch das gestörte Verhältnis zu seinem Vater (sensationell schmierig: Ulrich Noethen), was das Leben für Niko nicht gerade einfach macht. Dass er auch den ganzen Film über einen Kaffee haben will, macht die Sache nicht einfacher. Durch Zufall trifft er seine ehemalige Klassenkameradin Julika (Friederike Kempter, "Nadeshda" aus dem "Münster-Tatort"), deren Theaterstück er am Abend mit seinem Kumpel Matze (Marc Hosemann) besuchen will.

So stolpert Niko von einer misslichen Situation in die nächste. der Film lebt von diesen teilweisen absurden, teilweise zum brüllen komischen, aber auch zum Großteil sonderbaren Episoden. Dass Gersters Berliner Film nur 83 Minuten lang ist, sehe ich als sehr positiv. Zwar werden einige Figuren (wie "Matze" zum Beispiel) nur schemenhaft dargestellt, was der Komik aber nicht schadet, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film zieht. Schilling macht seine Sache hervorragend, ihm nimmt man die Lustlosigkeit des modernen, verwöhnten Berliners voll ab. Friederike Kempter macht sehr viel aus ihrer winzigen Rolle; sie verleiht dieser Julika sehr viel Charakter und in einer sensationellen Konfrontation mit ein paar idiotischen Jungs (mit dabei: Frederick Lau), spielt sie ihre ganze schauspielerische Kraft aus. Schauspielveteran Michael Gwisdek ist in einer kurzen Rolle als Mann in einer Kneipe zu sehen, bei der er seinen Text mit viel Gefühl runterrattert. Wieso er dafür einen Filmpreis gewonnen hat, verstehe ich jetzt nicht, aber gut, wenn man die Chance hat, einen beliebten Oldie auszuzeichnen, dann macht es die deutsche Filmakademie genauso wie ihr amerikanische Pendant (siehe zb. Robert Duvall dieses Jahr für "The Judge" bei der Oscarverleihung).

Gerster hat interessante Schauplätze gewählt, fernab des Berliner Mainstreams. Brandenburger Tor, oder die Siegessäule sucht man lange, aber dadurch ist der Film weitaus vielfältiger, ja vielleicht sogar exotischer geworden, als man es sich vorher gedacht haben mag, wenn man das Wort "Berlin" im begleitenden Text gelesen hat. Der Stil des Films ist erfrischend, ein Schauplatz wird nie länger als vielleicht zehn Minuten besucht, es geht direkt immer weiter. Durch die vielen unterschiedlichen Episoden entsteht zwar nie Langeweile, aber - und dies ist mein größter Kritikpunkt - wirkt der Film so dermaßen beliebig, dass es mir schwer fällt, diese Kritik zu verfassen, das meiste habe ich bereits wieder vergessen.

Ich verstehe voll und ganz, weshalb dieser Film so gut bei den Kritikern ankam: Ein neues, bislang unbekanntes Bild von Berlin und dessen Bewohnern wird gezeigt, ein Ausschnitt aus deren unbestimmtem Leben, das sich nicht entscheiden kann, in welche Richtung es sich entwickelt und dabei noch beigemischt eine große Prise der Absurdität des Alltags. Alles schön und gut, ich wurde auch größtenteils unterhalten. Doch als der Abspann lief, da habe ich keinerlei Sympathie mit irgendeiner Figur aufbauen können, zu beliebig erschienen sie mir, als dass ich viel Energie in sie hätte investieren können.

Wer einen unterhaltsamen Film aus dem modernen Berlin sehen möchte, der von dessen leisem, teilweise absurden Humor lebt - die Szene in der Kaffeebar ist Gold wert - der ist hier richtig. Nur ein Meisterwerk kann man hier lange suchen.

Dienstag, 14. April 2015

Nightcrawler





Dan Gilroy, USA 2014 - 8.75/10

Lou Bloom ist kein normaler Mensch. Hier in meinem geliebten Ruhrpott würde man sagen "er hat nix auffe Kette gekriegt", also jemand, der im Leben keine Richtung hat und auch illegale Wege nutzt, um an Geld zu gelangen. Im Verlauf des Films entdeckt er allerdings eine Marktlücke, bei der er moralische Grenzgebiete betritt und diese auch überschreitet. Dan Gilroy ist ein erstaunliches Werk über einen manischen Menschen gelungen, der im Grunde voll in seiner Arbeit aufgeht, diese letztlich perfekt beherrscht, aber bei dessen Ausübung keinerlei Kompromisse macht und Grenzen kennt. Dies ist kein kleiner Film, den man im Hintergrund beim gemütlichen Abendessen laufen lassen kann, sondern er verlangt es, sich komplett auf ihn einzulassen.

Ein faszinierendes, für den Großteil der Zuschauer unbekanntes Bild von Los Angeles wird hier gezeigt. Bloom (ein großartiger Jake Gyllenhaal) fährt nach einer erneuten Job-Absage enttäuscht nach Hause über den Highway. Dort erlebt er einen schweren Autounfall, er trifft nahezu gleichzeitig mit der Polizei ein, die schnell die Person versucht aus dem brennenden Wagen zu ziehen. Von hinten kommt ein Mann mit Kamera angerannt, der voll auf den Unfall hält. Lou ist fasziniert von dessen Arbeit, erkundigt sich, was er dafür bräuchte und ist am nächsten Tag selbst mit der Kamera unterwegs.

Der Beginn des Films ist rasant und unterhaltsam, Gilroy versteht es, eine ganz eigene Atmosphäre zu entwickeln, die sich immer auf dem Grad zwischen legal und illegal bewegt. Diese Facette wird im Verlauf des Films immer weiter getrieben, ich würde sogar behaupten bis zur Spitze geführt, denn die moralischen Entscheidungen, die Lou trifft, sind nicht nur durchweg fragwürdig, sondern stehen über den Vorstellungen, die jede Gesellschaft von sich aus behauptet zu besitzen.

Zwei Personen treten im Verlauf der Handlung in Lous Leben, die einen Einfluss auf die Entscheidungen haben werden, die Lou zum Ausführen seines Berufs treffen muss: Zum einen ist es sein Assistent Rick (Riz Ahmed), der immer wieder die unmoralischen Handlungen aufzeigt und auf der anderen Seite ist es die TV-Produzentin Nina (Rene Russo), die genau das Gegenteil macht. Lous Bilder bringen so hohe Einschaltquoten, dass er immer mehr besorgen soll. Eine für den Zuschauer schwere Konfliktsituation, Lou allerdings entscheidet sich schnell für eine Seite...

Mehr werde ich nicht verraten. "Nightcrawler" ist ein sehr spezieller Film, der von seinem gewollt unsympathischen Antihelden lebt. Es befindet sich so gut wie keinerlei Entspannung, nachdem Lous Geschäftsmodell einmal komplett den Betrieb aufgenommen hat. Ein unglaublicher Spannungsbogen wird aufgebaut, vor allem in den letzten etwa zwanzig Minuten des Films. Allerdings hat dieser Umstand, dass es ein fast nihilistischer Film, ohne Identifikation, ist, zur Folge, dass er einen mit einem enorm schlechten Gefühl zurücklässt. Darauf muss man sich vorher im klaren sein. Will man sich jedoch herausfordern lassen und eine komplett neue Perspektive auf die Moral des Menschen gewinnen und diese dann hinterfragen, der ist hier genau richtig. Gyllenhaals sensationelle Performance tut ihr übriges, für die Rolle hat er zwanzig Kilogramm abgenommen und versucht so wenig wie möglich zu blinzeln, was ihn noch eine ganze Spur charismatischer und gleichzeitig gruseliger erscheinen lässt.

Ein starkes Regiedebut von Dan Gilroy, das herausfordert, von seiner unfassbaren Spannung lebt, aber ebenso keinerlei Sympathieträger bereithält.

Mittwoch, 1. April 2015

Gegen die Wand




Fatih Akin, GER 2004 - 9.75/10

Ich habe den Film schon häufig erwähnt, jetzt sehe ich es an der Zeit, einen eigenen Post diesem Film zu widmen, dem wichtigsten Deutschen Film der Dekade. Akin erzählt eine epische Geschichte über die Liebe und wie sie Menschen zerstören kann. Dabei eingestreut sind ebenso die Themen "Selbstmord", "Leben als Mensch mit Migrationshintergrund in Deutschland" und "Entscheidungen". Ihr merkt, dies ist ein schwerer Brocken von einem Film, den man auf keinen Fall im Hintergrund laufen lassen kann. Nimmt man sich aber die Geduld, dann erlebt man einen deutschen Film, wie ich ihn mir vorher nie hätte vorstellen können: Solch eine Intensität habe ich selten bei einem Film im allgemeinen gesehen. Der Film nimmt einen brutalen Schnitt zur Hälfte, der das komplette Leben aus der Handlung saugt, eine Stimmung entwickelt, die total hypnotisiert und man seine Augen nicht mehr vom Bildschirm ziehen kann. Wer da nicht in seinem innersten wachgerüttelt wird, der hat nie gefühlt, geschweige denn gefühlt.

Diejenigen, die jetzt immer noch nichts mit diesem Werk anfangen können, dem sei ein weiterer Grund genannt: Die weibliche Hauptrolle wird von Sibel Kekilli verkörpert, den der Großteil aus der Serie "Game of Thrones" kennen sollte, oder auch als Komissarin des Kieler Tatorts.

Sibel (so auch der Name der Figur im Film) trifft in einem Hamburger Krankenhaus auf Cahit (Birol Ünel), der mit seinem Wagen alkoholisiert gegen die titelgebende Wand gefahren ist. Sibel hat ebenso einen Selbstmorversuch hinter sich. Beide sind mit ihrem Leben unzufrieden. Sibel rebelliert gegen das traditionelle Leben ihrer türkischen Eltern, sie will frei leben. Cahit ist im Grunde ein großer Verlierer, der saufend durch Hamburg zieht und nichts hinbekommt. Diese beiden verlorenen Seelen treffen jetzt aufeinander und die muntere Sibel hat einen für sie sensationellen Plan: Die beiden heiraten, damit ihre Eltern besänftigt sind und sie dann frei leben kann. Cahit stimmt dem Plan zu und die beiden heiraten. In einer wunderbaren Montage sieht der Zuschauer, wie die beiden ihren Hochzeitstag verbringen: Getrennt voneinander mit einem jeweils anderen Partner im Bett. Über die kommenden Wochen allerdings - Sibel zieht in Cahits vergammelte Bude, die sie auf Vordermann bringt - entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, die allerdings je zunichte gemacht wird.

Mehr will ich nicht über die Handlung schreiben, was dann aber passiert, gehört zu den mitreißendsten Szenen der letzten zwanzig Jahre. Beide durchleben unglaublich intensive Momente, die schwer für den Zuschauer mit anzusehen sind. Es sind Bilder, die man nie vergessen wird, was sowohl an der Leistung Akins liegt, der eine unerträgliche Bandbreite an Gefühlen zu vermitteln weiß, als auch vor allen an den schauspielerischen Leistungen von Kekilli (in ihrerer ersten großen Rolle) und Ünel, die genauso wie der Film, mit Preisen überhäuft wurden - der Film wurde mit dem goldenen Bären des Berliner Filmfestivals ausgezeichnet.

Dies ist ein harter Film, der garantiert nicht vielen Leuten gefallen wird, wer sich allerdings auf ihn einlässt, der wird umso mehr belohnt mit einem Meisterwerk, dass den Zuschauer durch die Tiefen der menschlichen Emotionalität schleift, ihn dabei zerstört, doch letztlich wieder aufbaut. Ein sensationeller, bemerkenswerter Film.

Sonntag, 22. März 2015

Harry Potter 3 - Der Gefangene von Askaban

*HERMIONE-SMASH*



Und wir sind zurück!! Hat ja auch nur sieben Monate gedauert. Aber egal, willkommen zu den Jahren drei und Jahr der Zauberer-Gang um Harry "Boss" Potter, Ron "Side-Kick" Weasley und Hermine "die heimliche Nr.1" Granger. In der heutigen Ausgabe lernen wir einen schmuddeligen Kriminellen, eine Ratte und einen rauchigen Turm kennen.

Teil 3:

Harry Potter und der Gefangene von Askaban
"Reveal your secrets."


 

Alfonso Cuarón, UK 2004 - 8.75/10 (vielleicht sogar 9/10)

Willkommen zum dritten Jahr in Hogwarts, zunächst befinden wir uns aber im Lingusterweg, im Haus der Dursleys. Harry wird weiterhin gemobbt, sowohl von Dudley, Vernon und Petunia, aber als noch Besuch kommt, platzt Harry die Zauberhutschnur. Tante Marge (perfekter Name!) beleidigt seine Eltern und ZACK, Harry bläst sie wie einen Ballon auf - zurecht, aber das sieht das Zaubereinministerium ganz anders und prompt flattert ein Brief in die Wohnung, der verkündet, dass Harry von der Schule suspendiert sei.

Was sich für Kenner wie ein üblicher Tag in der Welt Harry Potters anhört, ist für Laien ein großes Fragezeichen, welches die weiteren fünf Filme der Reihe nicht kleiner wird. Da ich aber mal annehme, dass ihr alle mit der Welt Harry Potters vertraut seid, werde ich direkt ans Eingemachte gehen:

Harry ist also zum Übeltäter mutiert und verlässt wutentbrannt das Haus der Dursleys. Er denkt schon daran, dass er von nun an als Aussätziger durch die Länder streift (SPOILER: was in einem späteren Teil auch noch passieren sollte) und seine Freunde nie wieder sehen würde. Aber weit gefehlt. Einmal schnell "Lumos" gesagt und da taucht schon ein klassischer Doppeldeckerbus auf, der Harry in atemberaubenden Tempo zum Pub "Tropfender Kessel" bringt, der von merkwürdigen Plakaten gesäumt ist: Sirius Black sei aus dem Zaubereigefängnis "Askaban" ausgebrochen.

Wie ihr euch denken könnt, wurde Harry nicht aus der Schule geworfen worden, sondern springt Hals über Kopf in sein nächstes Abenteuer. Viele Neuerungen gibt es im dritten, und meiner Meinung nach besten Teil der Harry Potter-Reihe. Neben den bereits genannten Nachtbus wird zum ersten mal "Askaban" erwähnt, das von fliegenden Monstern, den Dementoren, bewacht werden, die auch prompt im Zug nach Hogwarts erscheinen. Man erkennt, das eben jenes Schloss vom Stil verändert wurde, es gibt weit mehr Hügel und Täler und auch das Gebäude hat sich verändert, der Astronomieturm wird zum ersten mal gezeigt.

Dort im Turm hat Hermine ihre ersten Probleme in der Schule, die ersten beiden Jahre waren ein einziger Klacks für sie. Doch dieses Voraussagen ist einfach nicht ihr Ding, sie kann schließlich nichts auswendig lernen. Der Turm wurde perfekt gestaltet, genauso wie im Buch beschrieben. Ron und Harry machen sich einen Spaß aus der Sache, erfinden allerhand abenteuerliche Prognosen aus den Teeüberresten. Doch Hermine scheint es dann doch nicht so viel auszumachen, sie schmeißt den Kurs (!) und scheint gleichzeitig zur selben Zeit beschäftigt zu sein. WIE IST DAS MÖGLICH?

Das denken sowohl Harry und Ron, als auch der Zuschauer. Denn hier liegt der große Reiz an diesem Teil der Reihe, der schon im Buch sehr interessant eingebaut wurde. Nach einem ersten Höhepunkt geschieht ein beträchtlicher Schnitt, auf den ich natürlich nicht näher eingehen werde. Dies ist als rein cineastisch betrachtetes Stilmittel äußerst reizvoll und passt perfekt in dieses dritte Jahr, Cuarón (der Oscar-Gewinner von "Gravity" und Regisseur meines Lieblingsfilms "Children of Men") schafft es einen tollen Effekt zu erzeugen, der einen unglaublichen Sog - besonders beim ersten sehen - zu schaffen. Dumbledore, du Genie (mehr werde ich nicht dazu sagen).

Es sind wieder einmal Schauspieler der ersten Garde, die neu in die Serie kommen, alles Fanfavoriten. Zum einen Gary Oldman (z.B.Comissioner Gordon in "Dark Knight") als Sirius Black, David Thewlis (Stephen Hawkings Professor "Die Entdeckung der Unendlichkeit) als Remus Lupin und Timothy Spall ("Mr Turner") als Peter "Scabbers" Pettigrew. Sie machen ihre Sache sehr gut und auch unsere drei Helden haben einen Sprung nach vorn gemacht. Vor allem ist Hermine (Emma Watson) in diesem Film besonders durchschlagkräftig - siehe Überschrift.

Die Handlung - bestimmt zu ausführlich von mir beschrieben - ist extrem mitreißend und wird an einem bestimmten Punkt komplett auf den Kopf gestellt, was für ein eindrucksvolles Seherlebnis sorgt. Musik, Ausstattung und Kulissen sind wie gewohnt von erster Güte, wie eigentlich in jedem Teil. Hier müssen die Effekte gelobt werden. Die Dementoren sehen furchteinflößend aus und Cuarón weiß mit der Hilfe seines Kameramanns Michael Seresin ("Planet der Affen: Revolution", "Die Asche meiner Mutter") diese Szene in düstere Bilder zu hüllen - eine Richtung, welche die Serie in den kommenden Film noch weiter vertieft wird.

Aufgrund der Struktur, Atmosphäre und Spannung ist dies bislang der beste Teil der Reihe, vielleicht sogar der insgesamt beste, aber dazu später mehr. Selbst für Neulinge ist dieser Teil sehr reizvoll, platzt er fast vor Ideen, interessanten Figuren und aufregenden Handlungssträngen.


Donnerstag, 12. März 2015

Ida




Pawel Pawlikowski, Polen 2014 - 9.5/10

Dieser Film hat den Oscar 2015 für den besten ausländischen Film gewonnen, deshalb dürfte manch einer von euch von ihm gehört haben. Ich persönlich habe vor etwa einem halben Jahr den Trailer durch Zufall gesehen und war von den kargen, dabei aber enorm ausdrucksstarken schwarz-weiß-Bildern begeistert. Diese Begeisterung ist geblieben und der Film hat mich ohne Frage umgehauen, obwohl er eine scheinbar ganz einfache Geschichte, ohne viel Drumherum. Aber das ist es gerade, was diesen Film so besonders macht.

Ein Kloster im Polen der 1960er-Jahre. Eine junge Novizin namens Anna (Agata Trzebuchowska, in ihrem Film Debüt) erfährt beim Gespräch mit der Oberschwester, dass sie eine Verwandte hat, eine Tante, mit der sie Zeit verbringen soll, bevor Anna ihr Gelübde zur Ordensschwester ablegen wird. Widerstrebend geht sie zu ihrer Tante Wanda (Agata Kulesza) und die beiden verbringen den Tag miteinander, Anna will jedoch ziemlich schnell wieder zurück, sie sitzt allein in der fremden Wohnung, während Wanda als Richterin arbeitet. Am Abend sitzt Anna an der Bushaltestelle und Wanda sieht sie und beschließt, sie noch einmal zu sich einzuladen. Die beiden unterhalten sich über Annas Mutter - also Wandas Schwester - und deren Geschichte. Anna konnte gar nichts über sie wissen, weil sie im angesprochenen Kloster aufwuchs. Hier erfährt sie, dass sie Jüdin ist und "Ida" heißt.

Was darauf folgt, werde ich nicht weiter beschreiben, denn das würde viel von der Atmosphäre des Films wegnehmen, der überraschend spannend ist. Die 1960er Jahre wurden perfekt eingefangen, sei es die Kleidung, die Kulissen und die Inneneinrichtung, es ist vor allem die Musik, die prominent zum Einsatz kommt, vor allem in der Form eines jungen Saxophon-Spielers, den die beiden treffen. Pawlikowski versteht es in langen Einstellungen, bei denen zum Großteil die Köpfe der beiden Hauptfiguren im Fokus stehen, eine unfassbare Stimmung zu schaffen, bei der man nicht wegsehen kann. Vor allem eine Szene, bei der Anna in einem Tracking Shot verfolgt wird, erinnert mich sehr an Bela Tarrs "Werckmeister Harmonies", dem großen, faszinierenden Meisterwerks des legendären Regisseurs.

Der Film endet mit einem überraschenden Moment, auf den ich NATÜRLICH nicht eingehen werde, aber ich saß mit heruntergeklappter Kinnlade vor dem Fernseher, eine Szene, die ich nicht habe kommen sehen. Die beiden Hauptdarstellerinnen spielen überragend, sowohl "Anna" /"Ida" in ihrer ersten Rolle, als auch Wanda, Agata Kulesza, die schon in 47 Filmen mitgewirkt hat.

Ein enorm faszinierender Film, an dem nicht jeder Gefallen finden wird, aber bei nur einer perfekten Laufzeit von 80 Minuten, gibt es keine Entschuldigungen, dieses Meisterwerk nicht zu sehen. Klickt auf die Überschrift, schaut euch den Trailer an.

Samstag, 7. März 2015

Baymax - Big Hero 6

Hello. I am Baymax, your personal healthcare companion.


Don Hall, Chris Williams, USA 2014 - 7.25/10

Dieser Film wäre als Kurzfilm so viel besser gewesen. Denn einige Szenen, vor allem zu Beginn gehören zu den witzigsten Abschnitten in einem Animationsfilm, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Die zweite Hälfte allerdings ist dermaßen beliebig geraten, ein typischer Superheldenfilm, der absolut nicht überraschen und nur teilweise begeistern kann. Junge Zuschauer dürften trotzdem ihren Spaß haben, aber für mich war es so beliebig, wie es selten ein Film dieses Genres war.

"Big Hero 6" spielt im fiktiven San Fransokyo (!) eine Stadt, die - ihr habt es erraten - eine Mischung aus San Francisco und Tokyo, die spektakulär aussieht; ein feuchter Traum für Architektur-Fans. Dort sehen wir den jungen Hiro bei einem Untergrund-Roboter-Kampf, den er trotz eines merkwürdig, unscheinbar aussehenden Roboters gewinnt. Allerdings ist dieser Kampf illegal und Hiro sollte viel eher etwas Sinnvolles mit seiner Zeit anfangen, beispielsweise seinem großen Bruder Tadashi nacheifern, der an der Universität Roboter entwickelt.

Kurzentschlossen gehen die Brüder dorthin und Hiro ist total begeistert, er will so etwas auch machen. Die vier Freunde Tadashis entwickeln auch alle interessante Roboter und Gadgets und ermutigen Hiro denselben Weg einzuschlagen, Professor Callaghan ermuntert ihn ebenso: Wenn Hiro einen interessanten Roboter auf der jährlichen Konferenz präsentiert, dann könne Hiro an der Universität studieren.

Das beste Element am Film ist aber gar nicht die Geschichte um Hiro, oder Tadashis Freunde, sondern Tadashis Erfindung: Ein Roboter, der andere Menschen heilt. Er heißt Baymax und ist unglaublich cool, süß und einfach sensationell geworden. Seine Art ist langsam aber effektiv, wie man es von einem Gesundheitsprogramm erwarten sollte. Er wird aktiv, wenn in seinem Umfeld eine Person Schmerzen signalisiert, seien sie physisch, oder seelisch. Baymax sieht im Grunde aus wie ein laufender Marshmallow und hat eine extrem entspannte Stimme, die dabei auch noch extrem naiv spricht und handelt, was ihn nur noch charmanter macht.

Würde der Film hier enden, dann wäre es der beste Kurzfilm der letzten Jahre, Baymax ist so ein liebenswerter Charakter, dass es eine Freude ist ihm zuzusehen. Aber... es kommt anders. Ein Unglück geschieht und Hiro sieht sich gezwungen, Superheld zu spielen. Der Actionanteil wird deutlich erhöht, der Originalitäts-Level leidet ungemein. Baymax wird in einen Anzug gesteckt um das Böse zu besiegen... und ich so: "Na toll..."

Ich will nichts spoilern, also halte ich mich zurück, aber die nun sechs Helden - deshalb auch der Titel "Big Hero 6" - sind langweilig, haben zwar alle eine coole Fähigkeit, die schon vorher im Universitätslabor eingeführt wurde. Der plötzlich auftretende Antagonist ist zwar halbwegs überraschend, aber ansonsten ist das alles uninspiriertes Gekloppe, das mich nicht fesselt. Das ganze wird durch lustige Sprüche der Bande und Baymax aufgelockert, aber die gesamte zweite Hälfte war sehr ernüchternd.

Technisch ist der Film hervorragend. Es gibt ein paar Flugphasen, die mit denen aus "Drachenzähmen leicht gemacht" verglichen werden können. Die Gebäude und Figuren-Animationen sind über alle Zweifel erhaben, vor allem die Bewegungen des Michelin-Männchens Baymax ist ausgezeichnet gelungen.

Dass dieser Film den Oscar gewonnen hat, kann ich nicht verstehen, "Der LEGO-Film" hätte gewinnen müssen, der aber noch nicht einmal nominiert wurde, aus merkwürdigen Gründen, die ich schon einmal beschrieben habe. Alle Szenen mit Baymax sind super - Slapstick pur - , der Rest nicht so. Aber wenn ihr den Film einmal auf DVD ausleihen wollt, dann könnt ihr nicht viel falsch machen.

Noch ein letzter Satz -  Der deutsche Titel ist wieder einmal katastrophal: "Baymax - Riesiges Robowabohu" WTF?! Wer kommt auf so etwas??? Schon klar, dass man mit "Big Hero 6" scheinbar nicht viel anfangen kann in Deutschland, aber sowas???

Whiplash




Damien Chazelle, USA 2014 - 9.25/10

Um erfolgreich zu werden, der Beste zu werden, braucht der Schüler einen einflussreichen, fördernden Lehrer. Der Lehrer aus diesem Film wird extreme Methoden anwenden, um nach seinen Worten das letzte aus seinen Schülern herauszukitzeln, denn nichts ist seiner Meinung nach schmerzvoller als erzählt zu bekommen, man habe "gute Arbeit" abgeliefert. Das ist es nicht wonach er strebt und letztlich seine Schüler auch nicht. Denn ein neuer Charlie Parker ist nicht durch das bloße abspielen von Noten entstanden, da gehörte mehr dazu.

Damien Chazelle versucht in seinem erstaunlichen Debüt (!!!) "Whiplash" solch ein Schüler-Lehrer-Verhältnis näher zu beleuchten, was ihm ausgezeichnet gelingt. Trotz einer leichten Vorhersehbarkeit lebt der Film von dessen energiegeladenen Spannung zwischen den beiden Protagonisten, die ich im Kinojahr 2014 so nicht erlebt habe.

Andrew (Miles Teller) will der beste Drummer werden, deshalb ist er neuer Student am Schaeffer-Musikkonservatorium in New York. In der ersten Einstellung des Films sieht man ihn wie manisch auf sein Drum-Kit einschlagen, was Lehrer Fletcher (J.K. Simmons) aufmerksam macht. Nach einem Besuch in Andrew zweitklassigen Collegeband, bei der er bislang nur die Noten für den Stamm-Drummer umblätterte wird er zum Vorspielen in Fletchers "Studio Band" eingeladen, die er mit eiserner Hand führt. Andrew wird in der ersten Einheit vor der gesamten Gruppe zur Schnecke gemacht, was ihm aber den Antrieb verleiht, noch härter zu üben. Doch was sind die Konsequenzen aus seinem Verhalten, wird es sich lohnen?

Die Hauptperson ist ganz klar Andrew, der Zuschauer kann ihm leicht folgen, denn genauso wie für ihn, dürfte dem Zuschauer das Leben in einem Musikkonservatorium nicht vertraut sein. Teller spielt enorm physisch, sein echtes Blut ist großteils zu sehen, ein bravouröser Auftritt, der ihn zu einem der aufregendsten Jungschauspieler der USA verholfen haben dürfte.

Der Star dieses Films allerdings ist der Schauspiel-Veteran J.K. Simmons, den ihr am ehesten als den Vater von "Juno" oder den Chefredakteur von Peter Parker, Jonah Jameson aus den ersten drei "Spiderman"-Filmen bekannt sein sollte. Simmons' Fletcher ist eine angst einflößende Gestalt, die jeden Moment explodieren kann und wird, hinterfragt man seine Methoden auch nur ein einziges mal. Von der ersten Sekunde an dominiert Simmons mit seiner impulsiven Aura das Geschehen und ohne ihn hätte der Film niemals solch eine Atmosphäre der Panik, Explosivität und Anspannung erreicht, der diesen Film erst so herausragend macht. Schaut euch nur diese Szene hier aus dem Kurzfilm an - denn "Whiplash" wurde mangels Sponsoren erst auf dem Sundance Film-Festival als Kurzfilm veröffentlicht - und ihr werdet verstehen, wieso Simmons mit dem Oscar ausgezeichnet wurde.

Chazelle hat es geschafft, dass mir selbst Jazzmusik nichts ausmacht. Allein dafür gibt es meinerseits ein großes Lob. Denn bedenkt man, mit was für einen Aufwand solche eine Musik erzeugt wird, dann kann man den Musikern nur Respekt zollen. Der Schnitt des Films hat völlig zur Recht den Oscar erhalten, was allein in den letzten zehn Minuten passiert, ist diese Auszeichnung allein wert, ich werde natürlich nicht näher ins Detail gehen - der Oscar für den besten Ton-Schnitt ist ebenso verständlich, denn ein solch großes Orchester akkurat tonal darzustellen ist eine herausragende Leistung, die honoriert werden muss.

Ich bin gespannt, welche Projekte Chazelle als nächste in Angriff nehmen wird, ich werde sie mir hundertprozentig ansehen. Simmons hat seinen Höhepunkt nach jahrelanger Arbeit in Hollywood errreicht und Teller werden wir in Zukunft noch häufig sehen (beispielsweise im nächsten "Fantastic Four"-Film). Dieser Film ist aufregend, elektrisierend und selbst Leute, die bislang noch nie etwas mit Jazz anfangen konnten, sind hier genau richtig. Allerdings sollte man nicht bei einem Date diesen Film schauen, denn romantisch ist das einzige Attribut, das ich diesem Film nicht zuschreiben kann - er ist ein wildes Biest, das den Zuschauer fertig machen kann wie Andrew im Verlauf der Handlung. Wer sich drauf einlässt, wird belohnt.

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